Was bleibt kreativ?
KI beherrscht kombinatorische Kreativität – aber Vorstellungskraft, Vision und Urteilsvermögen bleiben menschliche Fähigkeiten.
Artikel lesenEine Bürokauffrau öffnet morgens ihr E-Mail-Programm, sortiert Anfragen, formuliert Standardantworten, koordiniert Termine, erstellt Protokolle. Ein Sachbearbeiter in der Buchhaltung prüft Belege, kontiert Rechnungen, erstellt Mahnungen nach festem Schema. Tätigkeiten, die beide seit Jahren routiniert ausführen. Tätigkeiten, die KI inzwischen übernehmen kann. Was bedeutet das für die knapp 2,2 Millionen Menschen (Zahl der Bundesagentur für Arbeit, Januar 2026), die in Deutschland in Büro und Sekretariat arbeiten? Und was bedeutet es für die Schule, die auf solche Berufe vorbereitet?
Die Antwort ist differenzierter als Schlagzeilen vermuten lassen. Nicht ganze Berufe verschwinden, sondern bestimmte Tätigkeitstypen. Und damit die Kompetenzen, die man für sie brauchte. In einem früheren Artikel habe ich die Kompetenzverschiebung durch KI als vierdimensionales Phänomen beschrieben. Dieser Text vertieft eine Seite des vierten Aspekts: Was genau wird weniger gebraucht?
Ich verwende den Begriff "promptable Tätigkeiten" für Aufgaben, die sich durch explizierbare Regeln oder Vorlagen hinreichend beschreiben lassen, sodass sie an KI delegiert werden können. Das Konzept umfasst vier Kategorien:
Was diese Tätigkeiten verbindet: Sie lassen sich sprachlich so präzise beschreiben, dass eine KI sie ausführen kann. Der OECD Skills Outlook 2025 beschreibt die Entwicklung so: Während Computer früher nur "das Erwartete" übernehmen konnten, also Aufgaben mit klar spezifizierten Regeln, ermöglichen maschinelle Lernverfahren heute die Automatisierung eines erheblich breiteren Spektrums von Tätigkeiten.
Das McKinsey Global Institute schätzt, dass bis 2030 etwa drei Millionen Arbeitsplätze in Deutschland von KI-bedingten Veränderungen betroffen sein werden, also etwa sieben Prozent der Beschäftigten. "Betroffen" bedeutet nicht automatisch "arbeitslos", aber es bedeutet, dass die Tätigkeitsprofile sich grundlegend verändern werden.
Der Future of Jobs Report 2025 des World Economic Forum, der auf einer Befragung von über 1.000 Arbeitgebern weltweit basiert, prognostiziert, dass 39 Prozent der heute relevanten Kernkompetenzen bis 2030 transformiert oder an Bedeutung verloren haben werden. Die größten Veränderungen betreffen administrative Tätigkeiten. Laut McKinsey entfallen 54 Prozent der durch KI verursachten Berufswechsel auf Büro- und Verwaltungsjobs. Das ist keine Prognose für eine ferne Zukunft. Es ist eine Beschreibung von Verschiebungen, die bereits stattfinden.
Die Daten stammen aus Arbeitsmarktanalysen. Aber sie haben Implikationen für Bildung. Wenn der Arbeitsmarkt bestimmte Kompetenzen in absehbarer Zeit nicht mehr in bisherigem Umfang nachfragt, müssen Schulen und Hochschulen darauf reagieren.
Ein Beitrag auf der Website des World Economic Forum formuliert es direkt: "Die meisten Sekundarbildungssysteme sind noch darauf ausgerichtet, für standardisierte Metriken und Universitätszugangsprüfungen zu optimieren. Diese Metriken belohnen oft Auswendiglernen, individuelle Leistung und technische Genauigkeit – Fähigkeiten, die zunehmend von KI automatisiert werden."
Parallel dazu zeigt der OECD Skills Outlook 2025, dass die Leistungen bei Literacy (Lesekompetenz) und Numeracy (mathematische Grundkompetenzen) bei Erwachsenen in den meisten OECD-Ländern zwischen 2012 und 2023 gesunken sind. Die OECD warnt, dass ein Rückgang der Bereitschaft, sich mit komplexen Aufgaben auseinanderzusetzen, die Wettbewerbsfähigkeit und den gesellschaftlichen Fortschritt gefährden könnte.
Dabei liegt auf der Hand, dass auch Basiskompetenzen wichtig bleiben, weil sie eine Voraussetzung für alles Weitere darstellen. Um etwa aus KI-generierten Optionen das Relevante auszuwählen und für die Auswahl Verantwortung zu übernehmen, benötigt man einen Maßstab, den man mitbringen muss. Man braucht starke Basisfähigkeiten als Grundlage, um anpassungsfähig zu bleiben - laut Der OECD, eine neue Kernkompetenz: "Anpassungsfähigkeit – aufgebaut auf starken grundlegenden, digitalen und transversalen Kompetenzen – ist wertvoller geworden als enge berufliche Spezialisierung auf dem modernen Arbeitsmarkt."
Die Zahlen sind ernst, aber kein Grund für Alarmismus. Deutschland verliert jährlich über 400.000 Arbeitskräfte durch Renteneintritt. Ein Teil der Veränderungen wird durch natürliche Fluktuation absorbiert. Und die Technologieeinführung verläuft langsamer als technisch möglich.
Aber die Kompetenzprofile verändern sich. Die Frage ist nicht, ob promptable Tätigkeiten an Bedeutung verlieren, sondern ob Bildungssysteme rechtzeitig umsteuern. Wer heute in Kompetenzen investiert, die morgen delegierbar sind, bereitet auf eine Welt vor, die es so nicht mehr geben wird.
Möchten Sie verstehen, wie Sie Ihren Unterricht auf veränderte Kompetenzanforderungen ausrichten können? In den Workshops auf ki-lehren.de entwickeln wir gemeinsam Konzepte, die sowohl operative KI-Kompetenz vermitteln als auch die Fähigkeiten stärken, die nicht promptbar sind: Urteilsvermögen, Transfer und kreative Synthese.
© Sven Lüder, www.ki-lehren.de
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