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10. November 2025 · 7 Min. Lesezeit

Von der Betrugsmaschine zur Chance: Warum Lehrkräfte KI nutzen müssen

Mittlerweile ist es so: KI kann in Sekunden Essays, Analysen und Hausaufgaben erstellen – und zwar in einer Qualität, die von Schülerarbeiten kaum zu unterscheiden ist (sofern sie nicht zu gut ist). Was anfangs noch als technische Spielerei abgetan wurde, hat sich als fundamentale Herausforderung für das Bildungssystem erwiesen. Für viele Lehrkräfte bedeutet das vor allem eines: das Ende nachvollziehbarer Leistungsbewertung. KI wurde zum Synonym für Betrug, zur Bedrohung des Unterrichts, zur Technologie, die viele am liebsten einfach verbieten würden.

Diese Wahrnehmung ist nachvollziehbar. Aber sie greift zu kurz. Denn KI ist mehr als eine Herausforderung – sie ist auch eine massive Chance auf Entlastung und Individualisierung. Und vor allem geht sie mit einer zentralen Aufgabe einher: Schüler:innen und Schüler müssen auf eine Welt vorbereitet werden, in der KI allgegenwärtig ist. Diese Vorbereitung können nur Lehrkräfte leisten, die selbst kompetent mit der Technologie umgehen.

Die Herausforderung: Wenn Hausaufgaben ihren Sinn verlieren

Die Verfügbarkeit von Large Language Models wie ChatGPT hat traditionelle Leistungsformate fundamental in Frage gestellt. Wenn eine KI in Sekunden einen fehlerfreien Aufsatz zu Goethes „Faust" erstellt, vollständige Gedichtanalysen liefert oder mathematische Berechnungen durchführt – was sagt eine Hausaufgabe dann noch über die Fähigkeiten eines Schülers aus? Nichts mehr.

Das Problem ist real: Die klassische Produktbewertung – eine fehlerfreie Lösung als Nachweis von Kompetenz – funktioniert nicht mehr, wenn unklar ist, wer der eigentliche Autor ist. Lehrkräfte stehen vor der Frage: Wie bewerte ich Leistung in einer Welt, in der jeder freien Zugang zu einem hochleistungsfähigen Textgenerator hat?

Die Antwort liegt in einem Paradigmenwechsel: weg vom Produkt, hin zum Prozess. Statt fehlerfreie Ergebnisse zu bewerten, muss der Arbeitsprozess selbst ins Zentrum rücken. Das bedeutet:

  • Prozessorientierte Aufgabenstellungen, bei denen Zwischenschritte dokumentiert werden
  • Mündliche Prüfungsformate, in denen Verständnis direkt überprüft wird
  • Reflexion des KI-Einsatzes als Teil der Aufgabe – Schüler:innen erklären, wie und warum sie KI genutzt haben
  • Authentische Lernsituationen, die echte Anwendung statt Reproduktion erfordern

Dieser Wandel ist anspruchsvoll. Er erfordert neue Aufgabenformate, andere Bewertungskriterien und eine Abkehr von routinierten Prüfungsszenarien. Aber er ist notwendig.

Die Chance: Entlastung und mehr Zeit für das Wesentliche

Hier liegt das Potenzial, das viele Lehrkräfte zunächst übersehen: Dieselbe Technologie, die Hausaufgaben entwertet, kann auch massiv entlasten. Large Language Models sind nicht nur Betrugsmaschinen, sondern allgemein zunächst einmal hocheffiziente Assistenzsysteme.

Lehrkräfte verbringen einen erheblichen Teil ihrer Arbeitszeit mit Routineaufgaben: Unterrichtsskripte strukturieren, differenzierte Arbeitsblätter erstellen, Elternbriefe formulieren, individuelle Rückmeldungen schreiben. Genau hier kann KI Zeit einsparen helfen – Zeit, die dann für die eigentliche pädagogische Kernarbeit zur Verfügung steht.

Konkret bedeutet das beispielsweise:

  • Unterrichtsvorbereitung: Statt eine Stunde mit der Strukturierung eines Unterrichtsskripts zu verbringen, liefert ein Chatbot in Minuten einen ersten Entwurf, den man dann nur noch anpasst.
  • Differenzierung: Aufgaben können automatisch auf verschiedene Lernniveaus angepasst werden – ohne dass Lehrkräfte drei verschiedene Arbeitsblätter erstellen müssen.
  • Feedback: Erste Rückmeldungen zu Schülertexten können von KI vorformuliert werden, die Lehrkraft ergänzt dann die individuelle, menschliche Komponente.
  • Kommunikation: Elternbriefe, Informationsschreiben oder Protokolle lassen sich schneller erstellen.

Diese Entlastung ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit. Lehrkräfte arbeiten am Limit. Wenn KI strukturierbare Aufgaben übernimmt, bleibt mehr Raum für das, was Maschinen nicht können: echte Beziehungsarbeit, individuelle Förderung, pädagogisches Gespür.

Aber – und das ist zentral – diese Chance erschließt sich nur, wenn Lehrkräfte die Technologie selbst nutzen. Wer KI nur als Bedrohung sieht und sie meidet, verpasst nicht nur Entlastungspotenziale. Er kann auch die eigentliche Herausforderung nicht annehmen, die sich als neue Aufgabe für Lehrkräfte darstellt.

Die Aufgabe: KI-Kompetenz als neue Kulturtechnik

Denn die größte Herausforderung liegt nicht in veränderten Prüfungsformaten oder Entlastungsmöglichkeiten. Sie liegt im Bildungsauftrag selbst: Schule muss Kinder und Jugendliche auf das Leben in einer zunehmend KI-gesteuerten Welt vorbereiten.

Schüler:innen nutzen KI bereits: für Hausaufgaben, zur Informationsbeschaffung, zur Unterhaltung. Sie tun es oft – was natürlich auch für viele Erwachsene gilt – unreflektiert, also ohne zu verstehen, wie die Technologie funktioniert, wo ihre Grenzen liegen und welche ethischen Fragen sich stellen. Hier liegt die pädagogische Verantwortung: nicht KI zu verbieten, sondern den souveränen Umgang damit zu lehren.

Das erfordert die Vermittlung spezifischer Kompetenzen:

  • Prompt-Engineering: Wie formuliere ich Anfragen so, dass ich präzise Ergebnisse erhalte? Diese Fähigkeit ist keine technische Spielerei, sondern eine kommunikative Grundkompetenz im Umgang mit KI.
  • Kritisches Hinterfragen: KI-Outputs klingen überzeugend – selbst dann, wenn sie falsch sind. Schüler:innen müssen lernen, Ergebnisse systematisch zu hinterfragen und zu überprüfen.
  • Faktenüberprüfung: Large Language Models halluzinieren – sie erfinden Fakten, Quellen, Zusammenhänge. Die Fähigkeit, dies zu erkennen und den Output von KI zu überprüfen, ist essenziell. (Mehr dazu in unserem Artikel über KI-Halluzinationen)
  • Verständnis von Bias: KI-Systeme reproduzieren Verzerrungen aus ihren Trainingsdaten. Ein reflektierter Umgang bedeutet, diese Mechanismen zu verstehen.
  • Ethische Grundsätze und Urheberrecht: Wann ist KI-Nutzung legitim? Welche Rechte sind betroffen? Diese Fragen gehören zur digitalen Mündigkeit.

Diese Kompetenzen zu vermitteln ist keine optionale Zusatzaufgabe – es muss heute zum Kernauftrag von Schule gehören. Genauso wie Lesen, Schreiben und Rechnen muss der souveräne Umgang mit KI als Kulturtechnik etabliert werden. Nicht weil die Technologie neu und faszinierend ist, sondern weil sich abzeichnet, dass sie alltäglich und unvermeidbar sein wird.

Der Schlüssel: Nur wer nutzt, kann lehren

Hier schließt sich der Kreis: Lehrkräfte können diese Kompetenzen nur vermitteln, wenn sie selbst über sie verfügen. Wer KI nur als Bedrohung sieht und sie meidet, kann nicht erklären, wie man präzise promptet. Wer nie erlebt hat, wie ChatGPT halluziniert, kann nicht zeigen, wie man Fakten überprüft. Wer die Entlastungspotenziale nicht kennt, kann nicht beurteilen, in welchen Situationen KI-Nutzung sinnvoll ist – und in welchen nicht.

Die eigene Nutzung ist keine Vorbedingung aus technischen Gründen. Sie ist eine didaktische Notwendigkeit. Nur wer selbst mit der Technologie arbeitet, entwickelt das Erfahrungswissen, das nötig ist, um sie authentisch zu unterrichten. Nur wer die Stärken und Schwächen kennt, kann reflektierte Urteile vermitteln statt pauschale Verbote oder naive Technikbegeisterung.

Das bedeutet nicht, dass Lehrkräfte zu KI-Expertinnen werden müssen. Es bedeutet, dass sie die Technologie mindestens ebenso gut beherrschen sollten wie ihre Schüler:innen. Es bedeutet, dass sie direkt mit ChatGPT, Claude oder anderen führenden Systemen arbeiten sollten, nicht nur über vereinfachte Plattformen, die echtes Verständnis verhindern. (Mehr dazu in unserem Artikel über EdTech-Plattformen)

Von der Defensive zur Gestaltung

Der Weg von der Herausforderung über die Chance zur Aufgabe ist kein linearer Prozess, den man einmal durchläuft. Es ist eine kontinuierliche Entwicklung. Lehrkräfte müssen gleichzeitig neue Prüfungsformate entwickeln, Entlastungspotenziale erschließen und KI-Kompetenzen vermitteln. Das ist anspruchsvoll.

Aber es ist auch eine Gelegenheit, Schule grundlegend zu verbessern. Der Paradigmenwechsel von der Produkt- zur Prozessbewertung macht Lernen authentischer. Die Entlastung durch KI schafft Raum für individuelle Förderung. Die Vermittlung von KI-Kompetenz bereitet Schüler:innen auf eine Realität vor, die sie ohnehin erwartet.

Die Frage ist nicht, ob Lehrkräfte sich mit KI auseinandersetzen. Die Frage ist, ob sie es rein defensiv tun – weil sie vor allem eine Bedrohung abwehren wollen – oder gestaltend, mit dem Ziel, Chancen zu nutzen und Verantwortung wahrzunehmen.

Letzteres erfordert Mut: den Mut, alte Gewissheiten zu hinterfragen, neue Formate auszuprobieren, selbst Neues zu lernen. Aber es ist der einzige Weg, der der Realität gerecht wird. KI ist da. Sie wird nicht verschwinden. Die Frage ist nur, wie Schule damit umgeht – und ob Lehrkräfte dabei gestalten oder reagieren.

Möchten Sie lernen, wie Sie KI souverän nutzen und Ihren Schüler:innen vermitteln können? Die Workshops auf ki-lehren.de vermitteln genau das: direkten, reflektierten Umgang mit der Technologie. Sie lernen zu prompten, Ergebnisse kritisch zu bewerten und Entlastungspotenziale zu erschließen – damit Sie nicht nur über KI sprechen, sondern sie kompetent einsetzen und unterrichten können.

© Sven Lüder, www.ki-lehren.de

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