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20. April 2026 · 6 Min. Lesezeit

Mein Haus, meine Familie, meine KI?

In der Berliner S-Bahn hörte ich neulich zwei Jugendliche darüber sprechen, was „ihr Chatty“ jeweils so gesagt habe. Auf LinkedIn las ich, jemand habe „seine KI“ gebeten, einen Entwurf zu schreiben, und sei vom Ergebnis überrascht gewesen. Ist es angemessen, von „meiner“ KI zu sprechen? Und wenn ja – was genau macht sie zu meiner?

Allgemein ist das Possessivpronomen im Deutschen vielgestaltig. „Mein Auto“ meint Eigentum, „meine Firma“ ein Arbeitsverhältnis, „mein Stammlokal“ eine gewohnheitsmäßige Bindung, „mein Sportverein“ eine Mitgliedschaft. Welche dieser Bedeutungen trifft auf einen Chatbot zu? Ich schlage eine Differenzierung vor.

Wo „mein“ zutrifft: das, was ich konfiguriere

Auf drei Ebenen gestalten Nutzer*innen tatsächlich etwas Eigenes.

Die erste Ebene sind die Interface-Einstellungen der Anwendung: Sprache der Oberfläche, Wahl der Sprachausgabe-Stimme, Aktivierung oder Deaktivierung von Memory und Web-Suche. Diese Einstellungen beeinflussen nicht, was der Chatbot inhaltlich sagt, verändern aber, wie ich mit dem System arbeite.

Die zweite Ebene sind persönliche Systemanweisungen, die in den Kontext eingespeist werden und alle Antworten des Chatbots inhaltlich prägen. Ein Lehrer kann hinterlegen, dass er knapp und mit Genderstern angesprochen werden will, dass er die Duzen-Form bevorzugt oder dass er keine Emojis mag. Bei ChatGPT heißt das Custom Instructions (benutzerdefinierte Anweisungen), bei Claude User Preferences (allgemeine Einstellungen), bei Gemini lässt es sich über Gems oder Personal Context einrichten. Diese Anweisungen gelten global, in jedem neuen Chat.

Die dritte Ebene ist der Projekt- oder Aufgabenkontext: aufgabenbezogene Instruktionen plus hochgeladene Dateien, die nur innerhalb eines abgegrenzten Bereichs wirksam sind. ChatGPT bietet Projekte und Custom GPTs, Claude Projekte, Gemini spezialisierte Gems.

Auf diesen drei Ebenen ist „meine KI“ eine zutreffende Verkürzung. Die Konfiguration ist das Eigene, und sie ist nicht trivial; sie ist das, was aus dem generischen Chatbot ein brauchbares Arbeitsinstrument macht. Lehrkräften empfehle ich, hier bewusst zu arbeiten und sich die Mühe zu machen, statt bei jeder Aufgabe neu zu erklären, wer sie sind und was sie wollen.

Wo „mein“ ambivalent wird: die Memory-Funktion

Seit 2024 bauen Chatbots – zuerst ChatGPT, inzwischen auch andere – über eine Memory-Funktion dauerhaft ein Nutzerprofil auf. Das System merkt sich, wenn ich Lehrkraft bin, an welchem Projekt ich arbeite, welche Antworten ich zuletzt gut fand. Die Personalisierung, die daraus entsteht, ist spürbar: Der Output wird individueller, die Antworten passen genauer. Gleichzeitig entsteht ein dauerhaftes Profil, das beim Anbieter gespeichert ist. Die Kontrolle darüber ist begrenzt. Man kann einzelne Einträge löschen, aber die Aggregationslogik bleibt intransparent, und was einmal ins Training eingeflossen ist, ist nicht zurückzuholen. Datenschutzorganisationen wie die Mozilla Foundation raten zur Vorsicht, insbesondere bei sensiblen Daten.

Die Ambivalenz dieser Ebene liegt darin, dass sich Nutzen und Preisgabe nicht entkoppeln lassen: Wen man will, dass der Chatbot individuell passende Antworten gibt, muss man akzeptieren, dass man dem Anbieter bekannt wird. Für Schulen verschärft sich die Frage, sobald Schüler*innen-Accounts ins Spiel kommen.

Wo „mein“ irreführt: das Modell selbst

Auf der dritten Ebene wird die Possessivrede unhaltbar. Das Sprachmodell selbst gehört ausschließlich dem Anbieter. Anders als bei Software, die man einmal kauft und auf dem eigenen Rechner installiert, ist ein Chatbot ein Dienst. Er kann jederzeit verändert, ersetzt oder eingestellt werden. Die großen KI-Unternehmen nehmen regelmäßig Anpassungen vor und deaktivieren ältere Modelle.

Wie konkret dieser Vorbehalt ist, hat der Fall GPT-4o 2025 und 2026 gezeigt. Beim Launch von GPT-5 am 7. August 2025 entfernte OpenAI das Vorgängermodell ohne Vorankündigung. Auf Reddit und X brach eine Welle von Protesten los; innerhalb eines Tages lenkte OpenAI ein und reaktivierte GPT-4o für zahlende Nutzer. Sam Altman räumte öffentlich ein, die Reaktionen unterschätzt zu haben. Ende Januar 2026 kündigte OpenAI die endgültige Abschaltung zum 13. Februar an. Eine Change.org-Petition sammelte binnen zehn Tagen über 14.000 Unterschriften, Nutzer organisierten koordinierte Aktionen unter dem Hashtag #Keep4o, TechCrunch berichtete von Kommentaren, in denen Menschen den Verlust in Beziehungsbegriffen beschrieben – als hätten sie einen Freund oder Partner verloren.

Die Proteste zeigen zweierlei. Juristisch und technisch war der Vorgang unproblematisch: Nur OpenAI verfügt über seine Modelle, die Nutzer*innen haben keine Ansprüche auf bestimmte Modelle. Psychologisch aber offenbarte sich eine Diskrepanz, die mit der Possessivrede zusammenhängt. Wer über Monate täglich mit „seinem Chatty“ gesprochen hat, erlebt die Abschaltung nicht als Produktänderung, sondern als Entzug.

Was das für den Unterricht bedeutet

Die Forschung zu Anthropomorphisierung (etwa Placani u.a. in PNAS 2025 oder die Studien der Nielsen Norman Group) zeigt, dass sprachliche Muster die eigene Wahrnehmung nicht nur spiegeln, sondern auch formen. Wer routinemäßig von „meiner KI“ spricht, trainiert sich eine Haltung ein, die in Teilen zutrifft und in Teilen irreführt. Im Medienunterricht würde ich die Dreiteilung deshalb explizit machen: Worüber verfüge ich wirklich? Worüber nur scheinbar? Und wo ist die Sprache des Besitzes die falsche Metapher? Schüler*innen und Lehrkräfte sollten verstehen, was an dieser Formulierung trägt und was nicht – bevor der nächste Modellwechsel sie überrascht.

Möchten Sie mit Ihren Schüler*innen oder im Kollegium die Rolle von KI kritisch reflektieren – über den reinen Werkzeuggebrauch hinaus? In meinen Workshops arbeiten wir an genau solchen Fragen.

© Dr. Sven Lüder, www.ki-lehren.de

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