Ein Schüler lässt sich über Monate jede Englisch-Hausaufgabe von einem Chatbot formulieren. Die Texte sind fehlerfrei und die Noten, die er dafür bekommt, entsprechend gut. In der Klassenarbeit, ohne KI, fallen ihm dann jedoch die Wörter und Grammatikstrukturen, die er nie selbst benutzt hat, nicht ein. Dieser Fall zeigt die Lücke zwischen der Leistung, die jemand mit KI erbringt, und dem, was er ohne sie kann, in aller Deutlichkeit. Ob KI das Lernen unterstützt oder aushöhlt, hängt aber weniger an der Technik als an der Art ihres Einsatzes. Dass sie Fähigkeiten auch verkümmern lassen kann, habe ich in einem früheren Artikel bereits beschrieben. Hier soll es um die Bedingungen gehen, unter denen sie dem Lernen nützt.
Warum selbst gefundene Antworten besser haften
Die Lernpsychologie beschreibt seit Langem, warum eine mühelos gefundene Antwort nicht nachhaltig wirkt. Wer eine Lösung selbst erzeugt, behält sie besser, als wenn er sie nur liest. Dieser sogenannte Generationseffekt ist seit den Arbeiten von Slamecka und Graf (1978) gut belegt. Robert Bjork prägte für solche Mühen den Begriff der „wünschenswerten Schwierigkeiten“: Eine anstrengende, aber zu bewältigende Aufgabe festigt das Gelernte auf Dauer besser als eine zu leichte. Henry Roediger und Jeffrey Karpicke zeigten 2006, dass das aktive Abrufen aus dem Gedächtnis dauerhafter wirkt als wiederholtes Lesen.
Dass es sich anstrengender anfühlt, ist dabei der entscheidende Punkt. Karpicke u.a. wiesen 2009 nach, dass Lernende das Wiederlesen bevorzugen, weil es flüssig von der Hand geht, und es mit eigenem Verständnis verwechseln. Eine KI, die sofort die fertige Lösung liefert, bedient genau diese Täuschung. Sie fühlt sich nach einem Fortschritt an, wirkt aber nicht nachhaltig.
Derselbe Chatbot, zwei Ergebnisse
Wie groß der Unterschied ausfällt, zeigt ein Feldexperiment der Wharton School (das ist die Institution, an der der KI-Experte Ethan Mollick lehrt). Das Experiment wurde mit knapp tausend Schüler*innen durchgeführt. Die Ergebnisse von Hamsa Bastani u.a. sind 2025 in den Proceedings of the National Academy of Sciences erschienen. Eine Gruppe erhielt einen frei nutzbaren GPT-4-Tutor, eine zweite einen Tutor mit eingebauten Schutzmechanismen, der lehrergestützte Hinweise gab und die Lösung nicht verriet. In der Übungsphase verbesserten sich beide. Im anschließenden Test ohne KI aber schnitt die Gruppe mit dem freien Tutor sogar um 17 Prozent schlechter ab als die dritte Gruppe, die gar keine KI genutzt hatte. Die Schüler*innen hatten die KI als Abkürzung benutzt und anschließend ihr eigenes Können überschätzt. Der Tutor mit Schutzmechanismen, mit dem das Lernen eine Anstrengung und Eigenleistung behält, richtete diesen Schaden nicht an. Die frühen Erkenntnisse aus der Lernpsychologie ließen sich also, bezogen auf KI, im Klassenzimmer nachweisen.
Gut gebaute KI kann den Unterricht schlagen
Dass KI nicht per se schädlich für das Lernen ist, zeigt eine andere Studie noch deutlicher. Ein Team um Gregory Kestin in Harvard verglich in einer kontrollierten Studie mit 194 Studierenden einen eigens entwickelten KI-Tutor mit regulärem Unterricht nach der Active-Learning-Methode. Der Tutor war didaktisch durchdacht: Er gab knappe Antworten, ging Schritt für Schritt vor, nahm keine Lösungen vorweg und war gegen Halluzinationen abgesichert. Die Studierenden, die mit ihm arbeiteten, lernten in weniger Zeit rund doppelt so viel wie die Vergleichsgruppe. Die Ergebnisse stehen in Scientific Reports (2025). Beide Studien kommen also zu demselben Ergebnis: Über den Lernerfolg entscheidet heute vor allem, wie die KI eingesetzt wird.
Den Lernmodus aktivieren
Was Kestins Tutor durch sein Design leistet, lässt sich inzwischen ganz einfach auf die einzelne Nutzung übertragen. Die Chatbots der drei großen Anbieter bieten nämlich einen eigenen Lernmodus, der die Schutzmechanismen aus dem Bastani-Experiment im Kleinen umsetzt: Der Bot führt durch die Aufgabe, statt sie zu erledigen. Er erklärt in Schritten und fragt zwischendurch nach. Die Infografik zeigt, wie man den Lernmodus jeweils aktiviert.
Allgemein machen drei Regeln aus dem Werkzeug eine Lernhilfe: 1) Erst selbst versuchen, dann fragen. 2) Sich etwas erklären lassen, statt die fertige Lösung zu übernehmen. 3) Und sich anschließend abfragen lassen, weil das Abrufen mehr festigt als das bloße Mitlesen (auch das bietet der Bot im Lernmodus an). Wer so arbeitet, erhält sich genau die Anstrengung, die es braucht, damit das Lernen nachhaltig wirkt.
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