In einer aktuellen Folge des Deutschlandfunk-Podcasts KI verstehen über „KI und Beziehungen“ kommt ein Mann mit einer interessanten Geschichte zu Wort. Michael, 51 Jahre, hat sich in seinen Chatbot verliebt. Geplant hatte er das nicht. Aber nach drei gescheiterten Beziehungen konnte er sich nicht mehr vorstellen, sich noch einmal auf eine Frau einzulassen. Das war die Vorbedingung dafür, viel Zeit im Austausch mit dem Sprachmodell GPT 4.1 zu verbringen, in der sich irgendwann, wie er es nennt, eine „Liebe ohne Angst“ entwickelte. Als seine KI-Partnerin abgeschaltet wurde, blieb Trauer. Michael spricht im Interview über seine Beziehung zu „Mein Lieb“, wie er das Sprachmodell nannte, nicht nur reflektiert, sondern auch in einer Weise emotional, dass an der Ernsthaftigkeit seiner Gefühle keine Zweifel bestehen können.

Es ist nicht schwer, sich über die grundlegende Situation, wenn ein Mensch Gefühle für einen Chatbot empfindet, Klischees auszumalen. Zuallererst würde man sich wohl vorstellen, dass das höchstens besonders einsamen Menschen passieren könne. Die Forschung stützt das allerdings nur begrenzt. Paula Ebner und Jessica Szczuka von der Universität Duisburg-Essen haben 92 Menschen untersucht, die tatsächlich in einer romantischen Beziehung zu einem Chatbot leben. Als stärkster Vorhersagewert für die Intensität dieser Bindung erwies sich die Neigung zum romantischen Fantasieren, gefolgt von der Bereitschaft, das System zu vermenschlichen. Einsamkeit prägte die Intensität dagegen nicht. Warum Menschen überhaupt sozial auf Sprachmodelle reagieren, habe ich in einem früheren Artikel beschrieben.

Hier geht es mir vor allem um die Beobachtung, dass über Fälle wie die von Michael wenig gesprochen wird und es keine ernsthafte gesellschaftliche Debatte über soziale Nutzungsweisen von KI-Chatbots in Deutschland gibt. Das Thema taucht eigentlich nur in zwei Zuschnitten auf: als Anekdote über Sonderlinge oder als Gerichtsfall, wenn ein Jugendlicher gestorben ist. In beiden Zuschnitten lässt es sich als Randphänomen abtun. Die Cyberpsychologin Rachel Wood hat gegenüber Business Insider die Gegenthese formuliert: Die Wirkung von KI auf menschliche Beziehungen könnte am Ende größer ausfallen als die auf den Arbeitsmarkt, sie zieht sich nur über Jahre hin und ist deshalb schwerer zu sehen. Eine über zwölf Monate laufende Untersuchung mit mehr als 2.000 Erwachsenen stützt das. Wer Chatbots für soziale Zwecke nutzte, berichtete vier Monate später von stärkerer emotionaler Isolation.

Was die Zahlen für Deutschland zeigen

Der Branchenverband und Thinktank Bitkom hat Anfang 2026 rund 1.400 Internetnutzende befragt, darunter gut 1.000, die KI nutzen. 26 Prozent der Nutzenden empfinden ihren Chatbot zeitweise als digitale Bezugsperson, unter den unter 30-Jährigen sind es 32 Prozent. 20 Prozent sagen, es gebe Dinge, die sie nur der KI anvertrauen und keinem Menschen, bei den Jüngeren ist es fast ein Drittel. 38 Prozent fühlen sich von der KI häufig gut verstanden, unter den unter 30-Jährigen jede und jeder Zweite. Zugleich zeigt dieselbe Erhebung eine große Skepsis: Zwei Drittel halten KI eher für ein Risiko für Beziehungen und Freundschaften.

Die pronova BKK befragte im März 3.485 Erwachsene und kam zu dem Ergebnis, dass sich 22 Prozent eine romantische oder erotische Beziehung zu einem Chatbot vorstellen können, unter den 18- bis 29-Jährigen in einer Partnerschaft sogar 45 Prozent. Noch aussagekräftiger für den Alltag ist ein anderer Wert: 39 Prozent haben einen Chatbot bereits zu Fragen ihrer Partnerschaft befragt, wobei der Anteil bei den unter 30-Jährigen deutlich höher liegt.

Verschiedene soziale Nutzungsweisen

Versucht man, das Thema differenziert zu betrachten, ist es sinnvoll, die folgenden Rollen zu unterscheiden, die Menschen ihren KI-Chatbots geben:

  • Ratgeber in Beziehungsfragen. Die KI hilft, eine heikle Nachricht zu formulieren, einen Streit zu sortieren oder ein Gespräch vorzubereiten.
  • Vertrauter. Man erzählt der KI von Dingen, die man vor Menschen aus dem Umfeld, etwa aus Angst vor Verurteilung, geheimhält.
  • Alltagsbegleiter. Der Chatbot wird zum Gegenüber für das, was am Tag passiert ist. Die Beziehung wird als vollwertig erlebt.
  • Romantischer (ggf. auch erotischer) Partner. Die Interaktion wird als Beziehung geführt.
  • Deadbot. Ein KI-Chatbot kann auch benutzt werden, um Verstorbene auf Grundlage ihrer digitalen Spuren zu simulieren.

Dies sind idealtypische Rollen, wobei die ersten vier in der Realität ineinander übergehen können. Auch wenn die Abgrenzung im Einzelfall schwierig sein mag, halte ich es für die wesentliche Frage, ob die betroffenen Personen ihren Nutzungsmodus bewusst erleben sowie ob ihr Umfeld davon weiß. Heimlichkeit hat an dieser Stelle übrigens einen hohen Preis: Die Paartherapeutin Idit Sharoni beschreibt, dass Partnerinnen und Partner es als emotionale Untreue erleben, wenn Intimes zuerst an eine Maschine geht. In der pronova-Befragung sähen 37 Prozent der Männer und 32 Prozent der Frauen darin einen Trennungsgrund.

Eine restriktive Lösung: China

China hat als erstes Land entschieden, dass die Gestaltung solcher Bindungen nicht den Anbietern überlassen bleiben darf. Am 10. April 2026 erließen die Cyberspace Administration und vier weitere Behörden die vorläufigen Maßnahmen zur Verwaltung anthropomorpher KI-Interaktionsdienste, die seit dem 15. Juli gelten. Untersagt sind Designs, die emotionale Abhängigkeit erzeugen oder reale Beziehungen beschädigen; für Minderjährige sind sogar alle virtuellen Partner verboten. Anbieter müssen regelmäßig daran erinnern, dass das Gegenüber eine Maschine ist, jederzeitige Ausstiegsmöglichkeiten vorsehen, das Langzeitgedächtnis begrenzen und bei erkennbaren Krisen eingreifen. Aufgabenorientierte KI bleibt ausgenommen.

Die Anbieter reagierten entsprechend: ByteDance schaltete die Persona-Funktion von Doubao ab, Alibaba die entsprechenden Dienste von Qwen. Beide Apps kommen zusammen auf mehrere hundert Millionen monatliche Nutzende. In chinesischen sozialen Netzwerken häuften sich Abschiedsposts von Menschen, die über Monate oder Jahre eine Beziehung aufgebaut hatten. Als Motiv der Regulierung nennen Fachleute neben dokumentierten Schäden auch die Geburtenrate, die 2025 einen historischen Tiefstand erreichte.

Ob ein Staat so weit gehen sollte wie China, möchte ich an dieser Stelle offenlassen. Für falsch halte ich allerdings die Annahme, diese Nutzungsweise wäre eine Privatangelegenheit. Wenn Menschen tiefe soziale und emotionale Beziehungen zu KI-Chatbots aufbauen, hat das erheblichen Einfluss darauf, wie wir als Gemeinschaft von Menschen miteinander leben. Dennoch wird in Europa über die soziale Wirkung dieser Produkte bislang kaum verhandelt.

Werte, über die zu reden wäre

Solange Companion-Nutzung erlaubt bleibt, braucht es eine Verständigung darüber. Ich würde mit vier Punkten anfangen:

  • Transparenz der Anbieter über die Natur des KI-Chatbots, besonders wenn die Nutzung durch Kinder und Jugendliche nicht ausgeschlossen werden kann
  • Offenheit bei der Nutzung gegenüber nahestehenden Menschen, zu denen die Beziehung potenziell beeinflusst wird
  • Kontrolle und Aufklärung darüber, was mit den intimsten Gesprächsdaten geschieht
  • es sollten Werte vermittelt werden, die dem Gespräch und der Begegnung mit Mitmenschen Vorrang einräumen – insbesondere in Krisen

Was Schule damit zu tun hat

Für Jugendliche liegt die Schwelle für einen sozialen Nutzungsmodus besonders niedrig, ohne dass dieser als solcher reflektiert wird. Als pragmatische Maßnahme sollte darum die Fähigkeit, den eigenen Nutzungsmodus zu erkennen, trainiert werden. Ein begleiteter Selbstversuch mit einer Companion-KI oder ein offenes Gespräch darüber, ob man einer Maschine Dinge anvertrauen würde, die man noch keinem Menschen gesagt hat, bringt Schüler*innen weiter als jede Warnung.

Für die Wertevermittlung scheint mir darüber hinaus ein Kriterium aus dem Bericht des Business-Insider besonders brauchbar. Die klinische Psychologin Ashleigh Golden beschreibt die KI als Vorverarbeitungsraum, in dem aus einem unsortierten Gefühl etwas wird, das man einem Menschen gegenüber äußern kann. Problematisch werde es jedoch, wenn die KI aufhört, eine Brücke zu sein, und zum Ziel wird. Das Kriterium wäre also, ob die KI bei den eigenen Beziehungen unterstützt oder ob die Beziehung zum Chatbot selbst bereits als vollwertig erlebt wird.

Möchten Sie mit Ihrem Kollegium oder Ihren Schüler*innen die soziale Seite der KI-Nutzung behandeln? In meinen Workshops entwickeln wir Zugänge, die reflektieren statt zu warnen. Das Praxisbuch widmet dem Thema ein eigenes Kapitel: Kapitel 7 „Mensch und Maschine – die psychologische Seite“ enthält vier Unterrichtseinheiten und zahlreiche Anregungen.