Desinformation und populistische Vereinfachungen werden zu einer wachsenden Herausforderung für unsere Demokratie. Darum gehört es zu den drängenden Aufgaben, die politische Urteilsfähigkeit der Bürger*innen zu stärken, solange sie für Bildung und Aufklärung erreichbar sind. Insbesondere Jugendliche brauchen Gelegenheiten, sich genauer mit politischen Behauptungen zu beschäftigen, ihre Begründung zu prüfen und auch Argumente zu berücksichtigen, die der eigenen Meinung widersprechen.

Es braucht einerseits Wissen über Parteien und Institutionen. Andererseits und noch wichtiger ist, dass man lernt, wie man zu einem begründeten Urteil kommt. Peter Facione beschreibt Kritisches Denken in seiner Delphi-Studie als bewusste, selbstregulative Urteilsbildung, zu der Interpretation, Analyse, Bewertung und Schlussfolgerung gehören. Auf politische Positionen bezogen heißt das unter anderem: verstehen, was jemand eigentlich behauptet, die angeführten Gründe beurteilen und mögliche Folgen abschätzen. Diese Fähigkeiten lassen sich gezielt an konkreten Fällen üben.

Die Vorbereitung geeigneter Übungen kann aufwendig sein, doch gerade hier kann KI helfen. Im Folgenden stelle ich drei Übungen vor, für die Sie mit einem Chatbot in wenigen Minuten für Ihre Klasse passendes Material entwerfen können. Jede Übung konzentriert sich auf eine bestimmte Fähigkeit. Die Schüler*innen selbst arbeiten mit z.B. Ausdrucken und benötigen weder ein KI-Tool noch einen Account.

Frage und Antwort

Wer politische Interviews oder Talkshows verfolgt, kennt folgendes Phänomen: Jemand spricht ausführlich und klingt dabei durchaus verbindlich, aber die gestellte Frage bleibt unbeantwortet. Um das zu erkennen, muss man genau auseinanderhalten, wonach gefragt wurde und worauf sich die Antwort tatsächlich bezieht. Das lässt sich mit der ersten Übung trainieren: Die Klasse erhält fünf kurze Bürgerfragen zu einem politischen Thema und dazu jeweils eine ausformulierte Antwort. Die Schüler*innen prüfen, ob die Antwort auf die Frage eingeht. Wenn sie ausweicht, halten sie fest, worüber stattdessen gesprochen wird.

Der vorbereitete Prompt sorgt dafür, dass die Antworten unterschiedlich ausfallen. Würden alle fünf ausweichen, läge als Ergebnis vor allem die pauschale Annahme nahe, Politiker*innen würden ohnehin nie Fragen beantworten. Für die Übung eignet sich deshalb eine Mischung aus zwei sachlichen Antworten, einer teilweise sachlichen und zwei ausweichenden. So müssen die Schüler*innen jeden Fall einzeln beurteilen.

Prompt · Frage und Antwort

Ich möchte als Lehrkraft eine Übung zur politischen Urteilsbildung mit meiner Klasse durchführen und brauche dafür geeignetes Material. Formuliere fünf kurze Bürgerfragen von je höchstens 3 Sätzen und dazu je eine Antwort, wie sie eine Politikerin in einer Talkshow geben könnte, je 80 bis 120 Wörter. Zwei Antworten beantworten die Frage sachlich, eine beantwortet sie teilweise und weicht im Rest aus, zwei weichen aus, klingen aber verbindlich. Keine realen Parteien, keine realen Personen. Kennzeichne im Material nicht, welche Antwort welchem Typ entspricht. Gib mir die Auflösung getrennt am Ende. Das Thema lautet: [Thema einfügen]

In der Sekundarstufe I können die Schüler*innen die Antworten zunächst den Kategorien „beantwortet“, „weicht aus“ und „unklar“ zuordnen. Ältere Schüler*innen könnten zusätzlich untersuchen, aufgrund welcher sprachlicher Mittel die ausweichenden Antworten verbindlich wirken. Bei der gemeinsamen Auswertung kommt es in beiden Fällen auf die Begründung an: Woran lässt sich im Text erkennen, ob die Frage beantwortet wird?

Fehlersuche im Sachtext

Während die erste Übung das Verhältnis zwischen Frage und Antwort untersucht, geht es bei der zweiten um die sachliche Verlässlichkeit eines Textes. Gerade Sprachmodelle führen vor Augen, wie wenig eine flüssige, souveräne Formulierung darüber aussagt, ob der Inhalt stimmt. Beim Lesen fällt es trotzdem leicht, sich von diesem Eindruck überzeugen zu lassen.

Für diese Übung erhalten die Schüler*innen einen sprachlich überzeugenden, aber fehlerhaften Text zu einem politisch relevanten Thema. Als Referenz liegt ihnen ein korrekter Sachtext vor. Ihre Aufgabe ist, die Rolle von Fact Checkern zu übernehmen: Sie markieren falsche Stellen, ordnen die Fehlerart zu und korrigieren die Aussagen mithilfe der Vorlage. Die Methode habe ich bereits in einem älteren Artikel beschrieben; sie lässt sich ohne Weiteres auf Themen der politischen Bildung übertragen.

Den Ausgangstext wählen Sie selbst aus einer verlässlichen Quelle aus. Er bildet die Grundlage für die Bearbeitung durch die KI und ermöglicht es Ihnen, die eingebauten Fehler samt Auflösung zu kontrollieren, bevor Sie das Material austeilen.

Prompt · Fehlersuche im Sachtext

Ich möchte als Lehrkraft eine Übung zur Fehlersuche mit meiner Klasse durchführen und brauche dafür geeignetes Material. Unten steht ein korrekter Sachtext. Schreibe ihn zu einem sprachlich überzeugenden Text von 350 Wörtern um und baue dabei genau sechs Fehler ein: zwei faktische Fehler, zwei Kausalbehauptungen, die aus dem Ausgangstext nicht folgen, und zwei Quellenangaben, die die Aussage nicht belegen, für die sie stehen. Erfinde darüber hinaus keine Angaben. Gib mir die Auflösung der sechs Fehler getrennt am Ende. Der Ausgangstext lautet: [Text einfügen]

Für die Sekundarstufe I können Sie den Text kürzer halten und die Zahl der Fehler auf vier reduzieren. In der Sekundarstufe II lohnt es sich, nach der Korrektur noch einmal über den ersten Leseeindruck zu sprechen: Wirkte der fehlerhafte Text glaubwürdiger als die nüchterne Vorlage? Falls ja, welche Formulierungen haben dazu beigetragen?

Vier Positionen zu einer Streitfrage

Bei politischen Streitfragen hängt unsere Bereitschaft, ein Argument gelten zu lassen, oft davon ab, ob wir die zugehörige Position teilen. Ein nachvollziehbarer Einwand kann aber auch von jemandem kommen, dessen Auffassung wir ablehnen. Die dritte Übung soll dazu anregen, diesen Einwand ernst zu nehmen und zugleich die Argumente der eigenen Seite ebenso sorgfältig zu prüfen.

Vor dem Lesen notiert jede*r die eigene Haltung zur Streitfrage in einem Satz. Anschließend erhält die Klasse vier Positionspapiere aus unterschiedlichen Rollen mit insgesamt zwölf nummerierten Argumenten. Diese sollen danach eingeordnet werden, wie gut sie begründet sind. Die persönliche Zustimmung zur jeweiligen Position sollte dabei kein Bewertungskriterium sein. In jedem Positionspapier stehen sowohl nachvollziehbar begründete als auch schwache Argumente. Die Schüler*innen müssen also innerhalb der einzelnen Positionen unterscheiden. Beim Vergleich mit den Sitznachbarn lässt sich anschließend besprechen, wo die eigene Meinung die Bewertung möglicherweise beeinflusst hat.

Prompt · Vier Positionen zu einer Streitfrage

Ich möchte als Lehrkraft eine Übung zum Perspektivwechsel mit meiner Klasse durchführen und brauche dafür geeignetes Material. Entwirf zu der unten genannten Streitfrage vier Positionen, die in der tatsächlichen Debatte vorkommen und sich in ihren Interessen unterscheiden. Nenne zu jeder Position kurz, wer sie vertritt, und schreibe dann aus dieser Rolle ein Positionspapier von 120 Wörtern. Jedes Papier enthält genau drei Argumente. Eines legt seine Begründung offen und macht sie nachvollziehbar, eines behauptet ohne Begründung, eines arbeitet mit einem Gefühl oder einer unzulässigen Verallgemeinerung. Trotz ihrer unterschiedlichen Qualität sollen alle Argumente überzeugend wirken. Nummeriere die Argumente fortlaufend von 1 bis 12 und kennzeichne ihre Qualität im Material nicht. Keine realen Parteien, keine realen Personen, keine erfundenen Statistiken. Gib mir die Auflösung getrennt am Ende. Die Streitfrage lautet: [z. B. Soll das Wahlalter bei Landtagswahlen auf 16 gesenkt werden?]

Im Prompt steht bewusst „legt seine Begründung offen“ statt „ist belegt“. Bei der pauschalen Aufforderung, Belege anzuführen, besteht das Risiko, dass die KI Studien oder Zahlen erfindet. Für diese Übung genügt es, wenn die Begründung so ausgeführt ist, dass die Klasse sie nachvollziehen und beurteilen kann. Auch dieses Material sollten Sie vor dem Einsatz durchsehen.

Für die Sekundarstufe I lässt sich die Aufgabe auf drei Positionen mit jeweils zwei Argumenten verkürzen. Die Einordnung kann dann „überzeugt“, „überzeugt nicht“ und „unklar“ lauten, wobei die Schüler*innen jeweils erklären sollen, was sie an der Begründung überzeugt oder zweifeln lässt. Ältere Schüler*innen kehren am Ende zu ihrem Eingangssatz zurück und überlegen, was zutreffen müsste, damit sie ihre Einschätzung ändern. Für die gemeinsame Auswertung eignet sich in beiden Stufen die Frage: Welches gut begründete Argument stammt aus einer Position, die ihr eigentlich nicht teilt?

Warum Warnungen allein nicht weiterhelfen

Die Übungen verlangen, dass die Schüler*innen zwischen unterschiedlich guten Antworten, zutreffenden und falschen Aussagen sowie stärkeren und schwächeren Begründungen unterscheiden. Ich halte es für wichtig, dass Jugendliche zu praktischen Aktivitäten angeleitet und nicht einfach nur gewarnt werden.

Neue Forschungen haben ergeben, dass eine Sensibilisierung für Desinformation nicht zwangsläufig dazu führt, dass Menschen Informationen besser beurteilen können. Ariana Modirrousta-Galian und Philip A. Higham haben Studien zu den Aufklärungsspielen Bad News und Go Viral! neu ausgewertet. Mithilfe spezifischer Verfahren untersuchten sie, ob die Teilnehmenden nach dem Spielen tatsächlich besser zwischen wahren und falschen Meldungen unterscheiden konnten oder lediglich insgesamt misstrauischer geworden waren. Ihr bemerkenswerter Befund: Bei vergleichbaren wahren und falschen Meldungen fand sich keine Verbesserung der Unterscheidungsfähigkeit; stattdessen wurden auch zutreffende Meldungen nun häufiger als falsch eingeschätzt.

Für die politische Bildung wäre es problematisch, wenn Übungen vor allem den Eindruck entstehen lassen, man könne ohnehin niemandem trauen. Ein solches Misstrauen könnte gerade jenen politischen Angeboten entgegenkommen, die diese Behauptung selbst verbreiten. Jugendliche brauchen deshalb Übung darin, begründet zu entscheiden, wann Vertrauen gerechtfertigt ist und wann Zweifel angebracht sind.

Wie nötig die Prüfung der Argumentation ist, unterstreicht auch eine 2025 in Nature Human Behaviour erschienene Untersuchung zur Überzeugungskraft von GPT-4. In kurzen Debatten war das Modell mit Zugang zu einigen soziodemografischen Angaben über sein Gegenüber überzeugender als menschliche Debattenpartner. Daraus lässt sich nicht auf die sachliche Qualität seiner Argumente schließen. Gerade wenn KI überzeugende Formulierungen leicht verfügbar macht, müssen wir genauer prüfen, wie eine Aussage begründet wird.

Worauf es bei der Umsetzung ankommt

Die Übungen setzen voraus, dass die Argumente aller vertretenen Positionen sorgfältig geprüft werden. Wenn das Material erkennbar darauf angelegt ist, eine bestimmte Seite schlecht aussehen zu lassen, werden Schüler*innen ihre Bewertungen an dieser Erwartung ausrichten oder sich gegen die Aufgabe sperren. Beides erschwert die selbstständige Urteilsbildung. Das Kontroversitätsgebot der politischen Bildung ist deshalb auch für die Gestaltung des Materials maßgeblich: Was in Wissenschaft und Politik kontrovers diskutiert wird, muss im Unterricht als kontrovers erkennbar bleiben.

Mit drei Übungen lässt sich natürlich nicht erreichen, dass Jugendliche fortan jede politische Behauptung gründlich prüfen. Sie bieten aber einen überschaubaren Anlass, genau das zu üben und sich über die eigenen Maßstäbe zu verständigen. Welche politische Überzeugung dabei herauskommt, ist nicht vorgegeben. Als Lehrkraft können Sie jedoch dazu beitragen, dass Schüler*innen ihre Auffassung besser begründen und sich ernsthafter mit Einwänden beschäftigen. KI erleichtert die Vorbereitung, sodass sich solche Übungen auch wiederholt und zu verschiedenen Themen in den Unterricht einbauen lassen.

Möchten Sie diese und weitere Verfahren mit Ihrem Kollegium erproben? In meinen Workshops erstellen wir das Material gemeinsam und passen es an Ihre Jahrgangsstufen an. In meinem Praxisbuch finden Sie weitere Anregungen und Unterrichtsstunden zu Kompetenzen, die für die politische Urteilsbildung wichtig sind, z. B. Kapitel 5 „Recherchieren mit KI“ und 6 „Künstliche Öffentlichkeit“.