Wer in Brandenburg Französisch lernt, kommt in der Woche auf wenige Minuten Sprechzeit. Drei Unterrichtsstunden, geteilt durch die Klassenstärke und abzüglich der Zeit, die für Grammatik, Korrektur und Organisatorisches draufgeht, ergeben insgesamt nicht die lernförderlichste Bilanz. Außerhalb des Klassenraums kam die Sprache bis vor Kurzem kaum vor, sofern man nicht zufällig Verwandte in Lyon hatte. Für Deutschlernende in Nairobi oder Hanoi gilt dasselbe spiegelbildlich. Mit diesen Schwierigkeiten hatten Schüler*innen und Studierende, die eine Sprache lernen wollten, schon immer zu kämpfen.

Was Technologie heute möglich macht

Mit KI hat sich nun etwas Grundlegendes verschoben. Denn seit wenigen Jahren steht jedem, der ein Smartphone besitzt, ein unermüdlicher Gesprächspartner zur Verfügung, der auf dem eigenen Niveau antwortet, ohne dass man sich erst mit ihm zu verabreden braucht. Man kann ihm vorgeben, in welchen Aspekten man sich verbessern will, dass er einem Fehler erklärt statt sie nur zu markieren oder dass er das Gespräch weiterführt und nur bei gravierenden Fehlern kurz innehält. Werden solche Anweisungen einmal ordentlich formuliert und für jedes Gespräch wiederverwendet, agiert der Chatbot dauerhaft als individueller, adaptiver Sprachtutor.

Ein weiterer Vorteil zeigt sich bei Erklärungen. Grammatik steht im Lehrwerk für alle gleich, obwohl die Schwierigkeiten je nach Erstsprache ganz verschieden liegen. Im Deutschen stolpern türkischsprachige Lernende über andere Dinge als arabischsprachige, und solange nur eine Lehrkraft, die selbst beide Sprachen beherrscht, den passenden Vergleich ziehen konnte, blieb diese Art von Erklärung den meisten verschlossen. Heute genügt der Hinweis, welche Sprache man selbst spricht, damit die Erklärung von dort aus ansetzt.

Schließlich wird jetzt noch eine besonders praktische Übung kinderleicht durchführbar: die individuell zugeschnittene Probe vor dem Ernstfall. Ein Behördengang oder ein Vorstellungsgespräch in einer Sprache, die man noch nicht sicher beherrscht, ließ sich früher nicht üben. Man konnte die Situation nur bestehen oder eben nicht. Inzwischen lässt sich das Gespräch vorher durchspielen, auf Wunsch auch mündlich im Voice-Mode, der mittlerweile bei allen großen Anbietern auf Deutsch ebenso wie in den geläufigen Fremdsprachen sehr gut funktioniert.

Forschungsbefunde zum Sprachenlernen mit KI

Ein Team um Feifei Wang hat 2025 in der Review of Educational Research 28 Studien zusammengefasst, die Sprachenlernen mit Chatbots untersuchten, und kommt zu dem Ergebnis, dass Lernende, die mit einem Chatbot übten, besser abschnitten als Vergleichsgruppen ohne. Der gemessene Unterschied (g = 0,48) ist von mittlerer Größe und damit zwar weit entfernt von den Sprüngen, die die Werbung der Anbieter verspricht, aber doch deutlich genug, um im Unterricht bemerkbar zu sein. Zudem darf man das Ergebnis als Beleg für den positiven Effekt von KI-Chatbots auf das Sprachenlernen werten, weil die meisten der untersuchten Systeme noch deutlich älter als die heutigen Sprachmodelle waren. Die Technologie – wie auch die Kompetenz, mit ihr umzugehen – hat sich seitdem noch einmal deutlich verbessert.

Am deutlichsten fallen die Befunde dort aus, wo es um die Hemmung geht. Weil Sprechen eine Fertigkeit ist, bei der Fehler unmittelbar und vor allen anderen sichtbar werden, hält die Angst davor manche Lernende über Jahre auf einem Niveau fest, das sie längst überschritten hätten. Ein Gegenüber, das nicht urteilt und keine Miene verzieht, senkt diese Schwelle. Über die schamfreie Kommunikation mit Chatbots habe ich an anderer Stelle geschrieben, beim Sprechenlernen wirkt sie unmittelbar.

Sprachen werden seltener gelernt

Man könnte erwarten, dass sich das in einer neuen Euphorie des Sprachenlernens ausdrückt. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Es lohnt sich, die Zahlen dazu etwas genauer anzusehen.

In England, wo die Pflicht zur Fremdsprache 2004 entfiel, sind die A-Level-Prüfungen in Französisch gegenüber 2019 um knapp achtzehn Prozent zurückgegangen, in Deutsch um mehr als ein Viertel. Einzig Spanisch hält sich. Ich habe als DAAD-Lektor an der University of Oxford selbst erlebt, wie die Zahl der Bewerbungen auf Studienplätze in Germanistik Jahr für Jahr zurückgingen.

An deutschen Schulen sieht es etwas anders aus, weil hier mindestens eine Fremdsprache Pflicht bleibt. Englisch lernen über achtzig Prozent aller Schüler*innen. Französisch dagegen ist im Schuljahr 2022/23 auf 14,6 Prozent gefallen, den niedrigsten Wert seit Mitte der neunziger Jahre, während Spanisch zulegt. Der Einbruch entsteht dort, wo abgewählt werden darf, also in der Oberstufe.

Von den Hochschulen gibt es keine belastbaren Zahlen zu den einzelnen Sprachenfächern, immerhin aber zu der Fächergruppe: Die Zahl der Studienanfänger*innen in den Geisteswissenschaften ist zwischen 2003 und 2023 um 22 Prozent gesunken, von gut 63.500 auf knapp 49.500. Im selben Zeitraum stieg die Zahl aller Studienanfänger*innen um 28 Prozent. Unter allen Fächergruppen sind Geisteswissenschaften also die einzige, die verloren hat.

Wo Fremdsprachen abwählbar sind, werden sie seltener gewählt. Über alle drei Ebenen hinweg ist das Muster dasselbe, und es erklärt auch, warum ausgerechnet Spanisch gewinnt. Wo eine Wahl besteht, entscheidet der Nutzen, den man sich ausrechnet.

Erklärungen für den Rückgang des Fremdsprachenlernens

Die naheliegende Erklärung wäre, dass sich der Aufwand nicht mehr lohnt, eine Fremdsprache zu lernen, wenn doch heute jedes Smartphone übersetzen kann. Belegen lässt sich diese These allerdings nicht. Der britische Rückgang beginnt 2004, dadurch dass die Sprachenpflicht entfällt; der Rückgang in den Geisteswissenschaften ist ab 2003 messbar, und beides liegt vor der Zeit von Smartphones und zwanzig Jahre vor den ersten brauchbaren Sprachmodellen. Dokumentiert sind andere Ursachen, etwa die strengere Benotung der Sprachfächer im Vergleich zu anderen Fächern und der anhaltende Mangel an Sprachlehrkräften. Untersuchungen zur Frage, ob maschinelle Übersetzung die Motivation beim Sprachenlernen senkt, existieren, beruhen aber auf kleinen Befragungen mit Selbstauskunft und geben keine Kausalaussage her.

Möglich bleibt, dass KI den Rechtfertigungsdruck auf das Fach erhöht, ohne die Ursache des Rückgangs zu sein. Wer heute begründen soll, warum sich fünf Jahre Französischlernen lohnen, hat es schwerer als vor zehn Jahren.

Gegen die einfache Erklärung spricht noch eine Beobachtung aus der Erhebung „Deutsch als Fremdsprache weltweit“, die das Auswärtige Amt alle fünf Jahre durchführt. Ihr zufolge wächst die Nachfrage an Deutschunterricht 2025 in Ägypten, Indien, Kenia und Kolumbien, und sie wächst besonders dort, wo der lokale Arbeitsmarkt unter Druck steht, etwa in Kamerun, Marokko, Nepal und Usbekistan. Das Deutschlernen, das dem Zweck dient, später einmal in Deutschland zu arbeiten, wird von keiner Übersetzungsfunktion überflüssig gemacht.

Was daraus folgt

In einem früheren Artikel habe ich zwei Fragen vorgeschlagen, mit denen sich abwägen lässt, wo ausbleibender Kompetenzerwerb hinnehmbar ist: 1. Handelt es sich bei der Fähigkeit um ein Fundament oder um einen Endpunkt? 2. Kann man die Qualität des KI-Ergebnisses beurteilen, wenn man die Tätigkeit nicht selbst ausführt?

Für Sprachkenntnis fallen beide Antworten deutlich aus. Weil auf ihr aufsetzt, was keine Übersetzung herstellt, nämlich eine unmittelbare Beziehung zu den Menschen, mit denen man spricht, und ein zweites Register des eigenen Denkens, verhält sie sich zu anderen Fähigkeiten wie eine Voraussetzung und nicht wie ein Endpunkt. Und wer eine Sprache nicht beherrscht, bemerkt auch nicht, wenn die Übersetzung im gegebenen Zusammenhang danebenliegt. So gesehen bleibt das Beherrschen mindestens einer Fremdsprache eine wichtige Kompetenz.

Das Lernen muss heutzutage aber ungleich stärker motiviert werden. Fremdsprachenunterricht kam jahrzehntelang mit dem Hinweis aus, man werde das später brauchen. Wer Sprachenlernen rein funktional versteht, für den erledigen KI-Tools heute alles, was man braucht. Dass eine Fremdsprache zu beherrschen selbst nur Mittel zum Zweck ist, nämlich um Begegnungen mit anderen Menschen zu ermöglichen, ohne dabei von einem Werkzeug abhängig zu sein, müsste stärker vermittelt werden. Was dabei helfen kann, ist der Umstand, dass das Lernen selbst einem heute so leicht gemacht wird wie nie zuvor.

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